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Prognosen für 2020 von Tolga Tarhan: Jahresrückblick

Das Jahr 2020 neigt sich langsam dem Ende zu. Wie treffend waren die Vorhersagen von Tolga in diesem Jahr?

Tolga Tarhan / Rackspace Technology

Anmerkung des Herausgebers: Zu Beginn dieses Jahres teilte Tolga Tarhan, CTO bei Rackspace Technology, seine Ansichten über fünf technologische Trends, die im Jahr 2020 aus seiner Sicht im Fokus stehen würden. Wir nähern uns dem Ende des Jahres 2020 und Tolga ist zurück mit einem Update darüber, wie sich die Dinge bisher entwickelten und liefert zusätzliche Einblicke in aktuelle Trends.

PROGNOSE 1: Hybrid 2.0 – Das Wiederaufleben

Punktzahl: 9 von 10

Diese Prognose folgte kurz nach der Konferenz re:Invent 2019 von Amazon, wo der Hyperscaler mit der Einführung von AWS Outposts endgültig auf Hybrid-Cloud-Lösungen zu setzen schien. Damals erwartete ich, dass AWS Outposts eine bahnbrechende Veränderung für Unternehmen bedeuten würde, die sich der Cloud zwar näherten, sich jedoch noch nicht vollständig von ihren vorhandenen Rechenzentren trennen wollten oder Hardware besaßen, deren Ende der Lebensdauer noch nicht erreicht war.

Das alles hat sich bewahrheitet. Die Kundennachfrage nach Outposts sowie nach den entsprechenden Lösungen von Microsoft und Google (Azure Stack Hub bzw. Anthos) zieht weiter an. Die Kunden wollen, was wir vorhergesehen haben – einheitliche Verwaltungsplattformen und Programmiermodelle mit der Flexibilität, sie sowohl auf Infrastrukturen vor Ort als auch auf Public-Cloud-Infrastrukturen anzuwenden.

Dennoch fehlt in der Prognose ein kleiner, aber bedeutender Aspekt. Sehr schnell wurde nicht mehr von einer Private Cloud gegenüber einer Public Cloud gesprochen. Diese Lösungen haben dazu geführt, dass die Grenzen zwischen den beiden Ansätzen so schnell und umfassend verwischt wurden und nur noch wenige diese Unterscheidung für wichtig erachten. Jetzt spricht man einfach nur von der Cloud.

Momentan denken die meisten Kunden, mit denen wir sprechen, nur noch daran, welchen Technologiestack der Hyperscaler sie jeweils bevorzugen – wo auch immer sie ihn haben wollen. Nur acht Monate später sind Hybrid- und Multicloud-Konfigurationen die neue Normalität.

Das ist weniger ein Wiederaufleben als vielmehr eine Revolution.

Prognose 2: Kubernetes gewinnt

Punktzahl: 10 von 10

Diese Überschrift besagte, dass Apps zukünftig durch Container plattformunabhängig verpackt und verwaltet werden, wodurch die Einführung der Cloud wesentlich einfacher gestaltet wird. Ich war der Meinung, dass man für Container Kubernetes nutzen könne, denn für die Bereitstellung von Infrastrukturen für die Unterstützung containerbasierter Workloads gäbe es keine ernsthafte Konkurrenz.

Und ich hatte Recht. Das Kubernetes-Projekt wurde erst im Juni sechs Jahre alt. Eine Stackrox-Umfrage vom März ergab, dass die Einführungsquote unter Unternehmen 86 % betrug. Für Unternehmen ist es ganz unbestritten die Plattform der ersten Wahl für die Container-Orchestrierung.

Die Tatsache, dass AWS Outposts, Google Anthos und Azure Stack [JD1] Kubernetes unterstützen, ist ein starker Hinweis darauf, dass Kubernetes die richtige Lösung für Anwendungen ist, die in Multicloud-Umgebungen laufen. Und ich bin weiterhin der Auffassung, dass Kubernetes den besten Weg für die Migration und die gleichzeitige Containerisierung existierender Anwendungen darstellt.

Das hat außerdem einen positiven Nebeneffekt: Es fungiert als Druckmittel, um Unternehmen zu besseren Cloud-Nutzern zu machen und sich endlich von den schlechten Praktiken der Vergangenheit zu verabschieden. Das traf besonders auf die Unternehmen zu, die Bedenken hinsichtlich eines Vendor Lock-ins durch die Hyperscaler äußerten.  Container bieten eine Umgebung der nächsten Generation und bewahren Unternehmen davor, ausschließlich auf die Nutzung von VMs, Storage und Compute begrenzt zu sein.  Container ermöglichen moderne Muster und Praktiken auf eine meist portierbare Weise.

Prognose 3: Maschinelles Lernen ist das wahre Juwel unter den neuen Technologien

Punktzahl: 10 von 10

Damals wie heute könnte ich eine Menge darüber schreiben, warum die Spekulationen über Unternehmensanwendungen für AR, VR, XR, Blockchain und Quantencomputer, gelinde gesagt, lästiger Quatsch sind. KI und maschinelles Lernen auf der anderen Seite genießen den ganzen Hype dieser Technologien und verfügen über die dazugehörigen astreinen Anwendungen.

Wie vorhergesagt haben wir eine starke und rasche Innovationskraft von Hyperscalern im Zusammenhang mit vorgefertigten und sofort einsetzbaren Diensten des maschinellen Lernens gesehen, während sich der Wettbewerb für diese Workloads verschärft. Wohin sie auch gehen, die Daten folgen ihnen. Deswegen handelt es sich hier um ein Segment, in dem die Top Player gewinnen müssen – und sie haben geantwortet. Beweis: AWS SageMaker, Azure Automated ML, MLOps und GCP AI Hub, um nur einige zu nennen.

Überzeugende Anwendungen für AR, VR, Quantencomputer und Blockchain werden wahrscheinlich nachziehen, aber bis dahin vergehen noch viele Jahre. In der Zwischenzeit bietet maschinelles Lernen derzeit eine enorme Chance: Einer Umfrage zufolge zieht die Mehrheit (85 %) der befragten Unternehmen KI in Erwägung oder setzt sie in der Produktion ein. Nur 15 % befassen sich überhaupt nicht mit KI.

Prognose 4: 5G verleiht IoT Flügel

Punktzahl: 5 von 10 (vorerst)

Bei diesem Thema hatte ich hohe Erwartungen und daher ist es etwas enttäuschend, die ursprüngliche Prognose zu lesen: „Zusammen mit IoT wird die Verbreitung von 5G im Jahr 2020 zu einer nahezu allgegenwärtigen Vernetzung führen.“

Ich bin noch immer der festen Überzeugung, dass 5G zahlreiche transformierende IoT-Anwendungen ermöglichen wird. Aber während der Ausbau dieser Netzwerke in manchen Gegenden stattfindet, geht es nicht annähernd so schnell voran, wie ich es mir erhofft hatte. Enttäuschenderweise wurden noch keine bedeutenden Netzwerke eingerichtet und 5G wird erst dann nützlich sein, wenn es allgegenwärtig verfügbar ist. Es reicht einfach nicht, den Ausbau lediglich in ein paar Stadtteilen voranzutreiben.

Im Moment beträgt der Stand des Fortschritts gegenüber der Prognose fünf von zehn. Netzwerkanbieter haben jedoch stark in 5G investiert und wissen, dass sie momentan hinterherhinken. Wir haben erst die Hälfte des Jahres 2020 hinter uns gebracht und es wird bis zum Jahresende noch weitere Entwicklungen geben, die diese Prognose hoffentlich stützen werden.

Prognose 5: Die Entwicklung des Systemadministrators

Punktzahl: 7 von 10

Ich habe prognostiziert, dass System- und Netzwerkadministratoren eher technische Rollen übernehmen werden, als auf eine Windows-ähnliche Verwaltungsschnittstelle zu warten. Die Marktnachfrage nach einer weiteren Abstraktionsschicht, die zwischen Unternehmen und umfassender Cloud-Nutzung steht, scheint gering zu sein. Diese Administratoren werden sich stattdessen immer weiter daran gewöhnen, Infrastruktur als Code zu schreiben und Continuous Delivery und Automatisierung zu nutzen.

Genau wie beim Thema 5G gehen die Dinge hier langsamer voran als erhofft. Das ist mir auch kürzlich bei der Arbeit an einer Kundenausschreibung aufgefallen: Es wurde deutlich, wie viele IT-Teams die Infrastruktur immer noch so betreiben wollen, wie sie es die letzten 25 Jahre getan haben.

Obwohl in beinahe jedem Gespräch über Transformation ausgiebig über die Cloud und die Präsenz der Hyperscaler gesprochen wird, bin ich daher der Ansicht, dass vor der Branche noch viel Aufklärungsarbeit liegt.

Was würde ich noch hinzufügen?

Wie ich bereits in der ersten Prognose bezüglich des Wiederauflebens von Hybrid Cloud und Multicloud erwähnt habe, wird beim Thema Private Cloud versus Public Cloud auf immer merkwürdigere Weise – und vor allem unkorrekt – unterschieden.

Unternehmen werden anfangen bzw. haben bereits angefangen, die Tatsache zu akzeptieren, dass sie immer eine Art Private Cloud haben werden. Deshalb ist die Differenzierung obsolet.

Meiner Ansicht nach folgt daraus, dass die innovativste Cloud-Technologie in die lokalen Rechenzentren eindringen wird – viel mehr, als wir es jetzt bei Outposts, Arc und Anthos beobachten – wie z. B. serverlose Modelle.

Davon ausgehend kann man sich leicht vorstellen, dass weitere Cloud-Servicemodelle (beispielsweise mit flexiblem Verbrauch und flexiblen Verträgen) ebenfalls den Übergang vollziehen werden. Unternehmen werden sich nach Partnern und Anbietern umsehen, die private Rechenzentren aufbauen, warten und betreiben können – jedoch im Stil einer Public Cloud.

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Über den Verfasser

CTOTolga Tarhan

Als CTO von Rackspace ist Tolga Tarhan für die Bereiche Vision, Innovation und Strategie verantwortlich. Nach mehr als zwei Jahrzehnten in der erfolgreichen Führung von Produkt- und Entwicklungsteams und als waschechter Technologe mit...

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