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Schadet keinem, nützt allen: So gelingt Barrierefreiheit

Fazit: Barrierefreiheit schadet niemandem und nützt allen.

2020 jährte sich die Verabschiedung des „Americans with Disabilities Act“ (ADA) zum Schutz der Rechte US-amerikanischer Bürger und Bürgerinnen mit Behinderungen zum dreißigsten Mal.

Durch den Gesetzeserlass wurde nicht nur die Diskriminierung aufgrund geistiger oder körperlicher Behinderungen rechtswidrig, sondern für Unternehmen und öffentliche Einrichtungen traten auch verschiedene Verpflichtungen zur Gewährleistung der Barrierefreiheit in Kraft. Dazu zählen Rollstuhlrampen an Gebäuden, Blindenschrift auf Schildern, Untertitel für Hörgeschädigte und zahlreiche weitere Maßnahmen, die Menschen unabhängig von Einschränkungen im Alltagsleben unterstützen sollen.

Der barrierefreie Zugang zu Web- und Mobilanwendungen war in der ursprünglichen Fassung des Gesetzes noch nicht vorgesehen. Heute fällt er unterschiedlichen Gerichtsurteilen zufolge in seinen Geltungsbereich, wenngleich ohne ausdrückliche Erwähnung. Eine entsprechende Aktualisierung des Abschnitts III durch das US-Justizministerium wurde unter der Obama-Regierung auf den Weg gebracht, jedoch 2017 wieder auf Eis gelegt.

Nach Angaben des Center for Disease Control von 2019 hat jeder vierte Amerikaner (26 %) mindestens eine Form von Behinderung. Insgesamt sind allein in den USA 61 Millionen Menschen betroffen – eine riesige Zielgruppe, deren Kaufkraft sich Unternehmen ohne barrierefreie Website und Anwendungen entgehen lassen.

Was bedeutet Barrierefreiheit?

Barrierefreiheit bedeutet, Ihr Produkt – in diesem Fall also eine Website, Anwendung o. ä. – für möglichst viele Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Einschränkungen zugänglich zu machen.

Sie unterscheidet sich von der Gebrauchstauglichkeit bzw. Usability. Diese bezeichnet gemäß DIN EN ISO 9241 „das Ausmaß, in dem ein System, ein Produkt oder eine Dienstleistung durch bestimmte Benutzer in einem bestimmten Nutzungskontext genutzt werden kann, um bestimmte Ziele effektiv, effizient und zufriedenstellend zu erreichen“.

Warum ist Barrierefreiheit wichtig?

Barrierefreiheit ist vor allem deshalb wichtig, weil Sie eine große Anzahl potenzieller Benutzer vom Zugriff auf Ihre Services ausschließen, wenn Ihr Produkt für Menschen mit Sehbehinderungen, Hörschäden oder eingeschränkter Mobilität nicht zugänglich ist.

Darüber hinaus kommen barrierefreie Produkte auch Menschen ohne Behinderungen zugute, z. B. Personen, die sich von Verletzungen erholen, deren Seh- oder Hörvermögen beeinträchtigt ist oder die sich beispielsweise in einer lauten Umgebung befinden und deswegen Probleme mit dem Hörverstehen haben, oder auch Nutzer mit unzuverlässiger Netzwerkverbindung.

Mit barrierefreien Produkten sorgen Unternehmen nicht nur dafür, dass ihre Website für sämtliche interessierten Besucher zugänglich ist, sondern erweitern auch ihre potenzielle Zielgruppe, vergrößern ihren Marktanteil und steigern ihre Umsätze.

Fazit: Barrierefreiheit schadet niemandem und nützt allen.

Von der Barrierefreiheit zur Inklusivität

Über die Barrierefreiheit hinaus gibt es zwei weitere wichtige Begriffe, die Sie bei der Entwicklung Ihrer Produkte unbedingt berücksichtigen sollten: Inklusivität und Repräsentation. Schließlich sollen Ihre Kunden sich mit Ihrem Produkt identifizieren können.

  • Vielfalt repräsentieren
    • Achten Sie auf die Verwendung von Bildmaterial, das eine möglichst breite Vielfalt von Menschen mit unterschiedlichem ethnischen Hintergrund, Geschlecht und Alter zeigt und für Ihre Zielgruppe und die Märkte, in denen Sie Ihr Produkt einführen wollen, relevant ist.
  • Inklusive Sprache verwenden
    • Verwenden Sie nach Möglichkeit eine geschlechtergerechte Sprache und vermeiden Sie Beispiele, die sich nur auf eine Teilmenge Ihrer Zielgruppe beziehen. Achten Sie gerade in der Kommunikation über und mit Menschen mit Behinderungen auf diskriminierungssensible Sprache.
  • Regionale Redewendungen vermeiden
    • Umgangssprachliche Wendungen können eine auflockernde Wirkung haben, sind aber häufig stark kulturspezifisch und daher nur bedingt für die Kommunikation mit einer globalen Zielgruppe geeignet.

Wie können Sie größtmögliche Barrierefreiheit gewährleisten?

Wichtig ist zuallererst, dass Sie Barrierefreiheit und Inklusivität nicht als Projekte betrachten. Vielmehr sollten sie unverzichtbarer Bestandteil jedes einzelnen Projekts sein, das Sie in Angriff nehmen: von der Forschung und Bedarfsanalyse über die Entwurfs-, Entwicklungs- und Testphasen bis hin zur Markteinführung und dem gesamten Lebenszyklus Ihres Produkts.

Bei der Entwicklung barrierefreier Produkte gibt es eine Vielzahl von Faktoren und Aspekten zu berücksichtigen. Im Folgenden wollen wir diese der Reihe nach aus Sicht der verschiedenen Teams beleuchten, die an einem typischen Projekt zum Bau einer Website oder Anwendung beteiligt sind.

Barrierefreiheit für Produktmanager

Als Produktmanager sind Sie der Botschafter und Fürsprecher sämtlicher Benutzer. Sie tragen die Verantwortung für das Produkt und müssen sicherstellen, dass alle Projektbeteiligten wissen, warum Barrierefreiheit wichtig ist und worauf zu achten ist.

Als Produktmanager müssen Sie vor allem Ihre Zielgruppe kennen, damit Sie wissen, auf welche Schwerpunkte Sie sich konzentrieren sollten.

Berücksichtigen Sie den Aspekt Barrierefreiheit von Anfang an bei der Planung. Natürlich können Sie auch nach der Markteinführung jederzeit weitere Funktionen zur Verbesserung der Barrierefreiheit integrieren. Vermeintliche „Abkürzungen“ rächen sich jedoch häufig und führen zu aufwendigen Fehlerbehebungen für Probleme, die sich leicht hätten vermeiden lassen. Technische Schulden und Nacharbeiten kommen Sie im wahrsten Sinne des Wortes teuer zu stehen.

Und das Allerwichtigste: Beziehen Sie eine vielfältige Benutzergruppe in Ihre Forschung und Tests ein.

Barrierefreiheit für Texter

Für welche Zielgruppe schreiben Sie? Wenn die Anwendung für Kinder gedacht ist, müssen Sie eine andere Sprache verwenden als bei einer Anwendung, die sich an Ärzte oder Rechtsanwälte richtet.

Außerdem sollten Sie wissen, an welcher Stelle und zu welchem Zweck die Inhalte, die Sie schreiben, verwendet werden sollen. Sind sie für eine Website bestimmt? Dann sollten Sie sich kurz fassen und Ihre Botschaft in möglichst wenigen Worten vermitteln. Wenn Sie hingegen eine technische Dokumentation verfassen, müssen Sie sehr präzise ins Detail gehen.

Lässt Ihr Text sich einfach überfliegen? Die meisten Leser sind auf der Suche nach ganz bestimmten Informationen. Wenn Ihr Fließtext nicht in eindeutige Abschnitte mit Überschriften untergliedert ist, entgehen dem Leser möglicherweise wertvolle Informationen.

Barrierefreiheit für Designer

Achten Sie gerade in den Anfangsphasen, z. B. beim Erstellen von Wireframes, darauf, viel Platz zu lassen, um das Layout der Website oder Anwendung möglichst übersichtlich zu gestalten.

Farbe bzw. Farblosigkeit ist ebenfalls ein wichtiger Faktor. Ist Ihr ansprechendes, farbenfrohes Layout noch genauso gut lesbar, wenn Sie es monochrom bzw. in Graustufen anzeigen oder Filter anwenden, die Ihnen zeigen, wie Benutzer mit verschiedenen Arten von Farbenblindheit die Seite wahrnehmen würden?

Wählen Sie Schriftarten und -größen, die gut erkennbar und lesbar sind. Auch großzügige Zeilenhöhen und kurze Zeilenlängen tragen zur besseren Lesbarkeit bei.

Animation kann bei manchen Benutzern Übelkeit und Schwindelgefühle verursachen. Das heißt nicht, dass Sie ganz ohne Animation auskommen müssen. Sie sollten jedoch darauf achten, sie nicht ohne guten Grund zu verwenden und in jedem Fall eine Alternative für Benutzer anzubieten, die auf die Ausführung bestimmter Technologien in ihren Browsern oder Geräten verzichten.

Barrierefreiheit für Entwickler

Als Entwickler erhalten Sie möglicherweise jede Menge einschlägige Anweisungen von Produktmanagern und Designern, die sich freilich nicht unbedingt mit allen technischen Einzelheiten Ihrer Arbeit auskennen.

Dass die Bereitstellung von Alt-Text für alle Bilder zur Barrierefreiheit beiträgt, dürfte den meisten Entwicklern bekannt sein. Wie sieht es aber mit der Seitengliederung aus? Natürlich erhalten Sie Inhalte von den Marketingteams. Haben Sie sich jedoch schon einmal darüber Gedanken gemacht, wie sich die Präsentation dieser Inhalte auf der Website bzw. in der Anwendung einerseits auf Suchmaschinenergebnisse und andererseits auf die Interaktionen von Besuchern auswirkt, die mithilfe von Screenreadern navigieren? Ein einheitliches und gut durchdachtes Seitenformat ist für diese Zielgruppe entscheidend.

Berücksichtigen Sie auch folgende Punkte:

  • Können Menschen, die nicht mit einer Maus arbeiten können, Ihre Website oder Anwendung stattdessen über Tastaturbefehle navigieren?
  • Lässt sich Ihre Website oder Anwendung mit einem Screenreader navigieren?
  • Sind Ihre Videos mit Untertiteln versehen?
  • Sind die Felder Ihrer Formulare eindeutig beschriftet?
  • Haben Sie Fallback-Alternativen für Benutzer eingerichtet, die einzelne Funktionen oder Technologien wie z. B. JavaScript deaktiviert haben?

Ressourcen zum Thema Barrierefreiheit

Das Webteam von Rackspace Technology hat einen Open-Source-Scanner (derzeit als Alphamodul verfügbar) mithilfe von Drupal und unserem Modul für das Webseitenarchiv entwickelt, mit dem Sie Ihre Website auf die Einhaltung verschiedener Standards zur Barrierefreiheit überprüfen und Vorschläge zur Behebung etwaiger Probleme anzeigen können. Im Funktionsumfang des Tools sind auch Verlaufsberichte inbegriffen, sodass Sie die Entwicklung Ihrer Website im Zeitverlauf verfolgen können.

Weitere Ressourcen

 

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About the Authors

Mike Rastiello

Product Manager

Mike Rastiello

Mike Rastiello has worked in the web technology space professionally for 15 years and first taught himself basic coding with an HTML for Dummies for book while still in high school with Notepad.exe, Internet Explorer, and a 56K modem. He has worked and managed projects large and small including websites, web applications, CRM integrations, API development, and more for local mom and pop small businesses to global and publicly traded companies. Currently, he is the Product Manager for Rackspace.com and oversees the product roadmap and development for the global marketing platform which runs entirely on Drupal. He lives in Austin with his wife.

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